Die wundersame Flüchtigkeit von Elle Fanning


Elle Fanning in I Think We're Alone Now
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Elle Fanning in I Think We're Alone Now
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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei haitibox.com, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Es gibt Schlimmeres als die Postapokalypse mit Elle Fanning zu verbringen. Als jedoch Peter Dinklage als letztem Menschen auf Erden in I Think We're Alone Now aufgeht, dass er sich mit einer anderen Lebenden arrangieren muss, fährt ein Schauer der Missbilligung durch seinen Körper. Die Postapokalypse ist beschaulich in dem Indie-Drama von Reed Morano, die als Regisseurin von The Handmaid's Tale für Aufsehen sorgte. Tatsächlich ist I Think We're Alone Now, der beim Filmfestival in im spanischen Sitges läuft, ein Augenschmaus einlullender Spätabendsonnenstrahlen und melancholisch warmer Schatten. Da haben sich zwei Außenseiter in einer Welt gefunden, in der sie plötzlich Zentrum sind. Alle anderen sind nämlich tot. Elle Fanning spielt hier den archetypischen Teenager, also archetypisch einmal abgesehen vom Ende der Menschheit. Fanning, die dieses Jahr ihren 20. Geburtstag feierte, verkörpert derzeit die Jugend wie kaum eine andere Schauspielerin im unabhängigen US-Kino. Es ist eine überhöhte Jugend, fern der Smartphones und Instagram-Profile. Märchenprinzessinnen am Ende der Welt.

Elle Fanning folgte ihrer Schwester Dakota in die Filmkarriere

In Sitges ist Elle Fanning dieses Jahr gleich zweimal vertreten und zwar mit der Art Indie-Film, für die sie seit ein paar Jahren regelmäßig unterschreibt. Anders als ihre große Schwester Dakota Fanning war Elle kein echter Kinderstar, was nicht heißt, sie habe nicht schon als Dreijährige vor der Kamera gestanden. Dakota Fanning wurde schon mit acht Jahren für einen SAG Award nominiert. In der Simple Jack-Blaupause I Am Sam gab sie die Tochter von Sean Penn. Denzel Washington steckte für sie in Man on Fire bösen Buben Bomben in den Hintern [Ich vermisse Tony Scott, Anm.d.Verf.] und für Steven Spielberg vokalisierte Dakota Fanning im Blockbuster Krieg der Welten das Grauen. Wenn man bereits als Teenager mit Bette Davis verglichen wird, hat man etwas geschafft. Ich weiß nicht genau was, aber etwas sicherlich.

Elle Fannings Weg ins Kino verlief sanfter. Auch sie war in einem Tony Scott-Film zu sehen, nämlich als eines der Opfer im Auftakt-Terror des Science-Fiction-Thrillers Déjà Vu - Wettlauf gegen die Zeit. Da wedeln ihre blonden amerikanischen Löckchen in Zeitlupe im Rhythmus mit dem Countdown der Bombe, die sie und Hunderte andere auf einer Fähre zerfetzen wird. Im selben Jahr war sie als Tochter von Brad Pitt und Cate Blanchett in Babel zu sehen. Größere Aufmerksamkeit sammelte Elle Fanning erst in Teenager-Rollen wie Somewhere von Sophia Coppola, mit der sie letztes Jahr auch Die Verführten drehte. Als Proto-Eleven unter den Jungs-Nerds in Super 8 wurde Elle Fanning sowas wie berühmt. Sie war das Sehnsuchtsbild 13-Jähriger, die nostalgisch auf die Erinnerungen ihrer großen Brüder an die erste VHS-Sichtung von Die Goonies zurückblicken. In diesem Jungskino von J.J. Abrams bildete sie einen Rettungsring.

Elle Fanning in Galveston und I Think We're Alone Now

Danach wandte sich Elle Fanning abgesehen von Maleficent vermehrt Independent-Filmen zu. Das Drama Ginger & Rosa ließ Wir kaufen einen Zoo vergessen, The Neon Demon und Jahrhundertfrauen zeigten im selben Jahr die filmische Bandbreite von Fanning. Bis heute wird sie jedoch häufig - nicht immer - in Rollen besetzt, die sie zur Projektionsfläche von Männern machen. Im Nicolas Winding Refn-Model-Thriller Neon Demon übernimmt sie diese Rolle für den Regisseur selbst. Nicht ganz zufällig stolpert sie sowohl ins Leben von Peter Dinklage in I Think We're Alone Now als auch in das von Ben Foster im Road Movie Galveston, die beide in Sitges laufen.

Dinklage wird von Fannings Figur aus der selbst eingerichteten Einsamkeit gerissen. Er verbringt seine postapokalyptischen Tage damit, Rotwein zu schlürfen (immer der Lannister!), die Leichen in seiner Kleinstadt zu begraben und die hiesige Bibliothek zu pflegen. Das plötzliche Sterben der Menschheit scheint seiner bereits vorhandenen Einsiedlerschaft entgegengekommen zu sein. Bis die junge Frau mit dem Auto in einen seiner gesäuberten Vorgärten rast. Er lernt etwas über seine innere Flucht, weil sie ihn durch ihre Anwesenheit am Ende der Welt herauslockt. Die 5 Phasen der Trauer enthalten im jüngeren Indie-Kino zwingend Elle Fanning.

Galveston wiederum ist der neue Film von Mélanie Laurent, die sich seit ihrem feurigen Auftritt in Inglourious Basterds eine Regiekarriere aufgebaut hat. Laurent castet Fanning an der Seite von Ben Foster, sie das missbrauchte Mädchen auf der schiefen Bahn, er der lebensmüde Kleinganove mit Bluthusten. Gemeinsam sind sie auf der Flucht vor schlimmeren Ganoven, freunden sich an und bilden eine Schicksalsgemeinschaft der vom Leben und dem sozialen Zusammenhalt Vernachlässigten. Es ist ein Sumpf aus Klischees. An diesem Punkt in seiner Karriere täte Ben Foster gut daran, mal jemanden zu spielen, der einfach nur auf dem Balkon sitzen und chillen kann, ohne sich mit dem Revolver im Hosenbund grimmig nuschelnd eine Verfolgungsjagd zu liefern.

In I Think We're Alone Now fehlt es ebenfalls nicht an Klischees, angefangen beim letzten Mann auf Erden, der plötzlich Besuch bekommt. Doch Reed Moranos Film lebt eher von der Atmosphäre als dem Plot und vor allem von der Beobachtung des Alltags im Nicht-Alltäglichen. Peter Dinklages sarkastisch verhärtete Schale und Elle Fannings ätherische Flüchtigkeit ergänzen sich perfekt und finden in der elegischen Lichtgestaltung eine Rahmung. Alles könnte gleich vorbei sein, alles könnte im nächsten Moment verschwinden, also warum nicht mit einem Glas Rotwein anstoßen und das Beste daraus machen?

Beide Filme finden Elle Fanning auf dem Sprung, wobei nicht ganz klar ist, wohin. Die Teenager-Rollen dürften sich bald rarer machen, doch was kommt dann? Also abgesehen von Maleficent 2. Die Flüchtigkeit der Jugend hat Elle Fanning in ihrer bisherigen Karriere idealtypisch verkörpert, ob als bezauberndes Alien (How to Talk to Girls at Parties) oder als frisch gekrönte Prinzessin der Modeszene (Neon Demon). Der Refn-Film gab, ebenso wie Coppolas Die Verführten, Andeutungen, was es in Fannings Spiel noch zu entdecken gibt. Eine rücksichtslose, egoistische Schärfe blitzte da auf, weit entfernt von der (befleckten) Unschuld, die Elle Fanning in Filmen wie I Think We're Alone Now und Galveston verkörpert. Bitte mehr davon. Prinzessinnen gibt es schon genug.

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