Babylon Berlin: In Folge 7 und 8 wird ein großes Geheimnis gelüftet


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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei haitibox.com, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Habt ihr auch gerade ein Staffelfinale geschaut, ohne es zu merken? Folge 7 und 8 von Babylon Berlin sind das nominelle Finale der 1. Staffel der Event-Serie nach den Romanen von Volker Kutscher, doch da die 2. Staffel gleich auf dem Fuße folgt, ist das kaum zu bemerken. Immerhin: Das größte Geheimnis der ersten 8 Episoden von Babylon Berlin wurde aufgelöst. Gereon klaut die Porno-Erpresser-Filme und muss anschließend einsehen, dass es nicht der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer war, der sich in SM-Spielchen verlustierte, sondern Gereons eigener Vater und angehender Polizeipräsident. Gereon vernichtet den Film und damit den letzten Grund, in Berlin zu bleiben. Trotzdem bleibt er in der Hauptstadt. Auf Babylon Kölle müssen wir dann wohl verzichten. Ansonsten hinterlässt dieses Staffelfinale einige Fragezeichen und Entwicklungen (vorerst) ohne Auflösung. Ein Glück, dass es nächste Woche mit Staffel 2 weitergeht, denn als klassisches Finale, mit dem man bei einer anderen Serie ein Jahr überbrücken müsste, wäre das eine Enttäuschung gewesen. Aber andere Serien sind auch nicht Babylon Berlin.

Drei wichtige Fragen nach Folge 7 und 8 von Babylon Berlin

  • Wer ist Doktor Schmidt? Langsam können wir den geheimnisvollsten Figuren in Babylon Berlin Namen zuordnen. So heißt der Armenier eigentlich Edgar und sein Helfer mit der vernarbten Gesichtshälfte Dr. Schmidt. Schmidt ist spezialisiert auf die Behandlung von Veteranen, die an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, allerdings in einer Zeit, in der die Psychotherapie in den Kinderschuhen steckte. Wie seine Vorlesung zeigt, wird allgemein auf das "Kriegszittern" oder den "Flattermann", wie der Tremor auch genannt wird, herabgeblickt. Das Gehirn sei ein Organ, die Probleme entweder gespielt, um an die Rente zu kommen, oder mechanischer Natur. Auf Schmidts Therapiestufen der Hypnose und Gesprächstherapie reagieren die Kollegen verächtlich. In den Aufnahmen seiner Patienten erkennen wir zwei bekannte Gesichter. Zum einen den drogensüchtigen Krajewski, zum anderen aber auch den Armenier. Der erwähnt später, dass er in des Doktors Schuld stehe, vermutlich weil er ihn erfolgreich von dem Zittern befreit hat.
  • Was hat Doktor Schmidt mit Gereon vor? Bisher hat Gereon das Zittern in der Hand mit Heroin-Kapseln kuriert. "Heroin" wurde von der deutschen Firma Bayer bereits 1895 als Markenname für seine (angeblich) nicht süchtig machende Alternative zu Morphium vermarktet. Doktor Schmidt lässt das Heroin bei dem rheinischen Apotheker durch ein Barbitursäure-Derivat austauschen. Diese Derivate (kurz: Barbiturate) können hypnotisch wirken und dienten später als Schlafmittel. Schmidt scheint Gereon also nicht vergiften zu wollen. Seine Kenntnis der Hypnose und die Ähnlichkeit der Figur mit den Stummfilmschurken Dr. Caligari und Dr. Mabuse (ebenfalls Hypnotiseur) könnten auf einen Versuch der Fremdsteuerung hindeuten. Warum Schmidt den unter Drogen gesetzten und entführten Gereon am Ende von Folge 8 gehen lässt, bleibt unklar.
  • Ist Gereons Kollege Bruno ein Bösewicht? Bruno richtet nicht nur Schnittchen für die Schwarze Reichswehr an, der steckt mit drin in der rechten Verschwörung, die den Kampfstoff Phosgen* einführt. Über die heimliche Aufrüstung ist er zumindest teilweise informiert, etwa was das Gewehr mit Nachtsicht-Zielfernrohr angeht. Die Figur von Peter Kurths Bruno Wolter steht stellvertretend dafür, wie tief die antidemokratischen Kräfte in den Institutionen der Weimarer Republik verwurzelt waren. Das nennt man dann wohl zeitgemäße TV-Unterhaltung. Als Polizist und Kriegsveteran hängt nämlich auch Bruno dem rechten Gedankengut an, etwa der Dolchstoßlegende, einer Verschwörungstheorie, die Juden und Sozialdemokraten die Schuld an der Niederlage im Ersten Weltkrieg zuschiebt. Auf dem Felde unbesiegt, aber an der Heimatfront betrogen, lautet die Logik, die die Heeresleitung ihrer Verantwortung entzieht.
  • Und natürlich: Wann geht es mit Babylon Berlin weiter? Nächsten Donnerstag, am 18.10. laufen die ersten beiden Folgen der 2. Staffel. Alle Sendetermine von Babylon Berlin haben wir euch an anderer Stelle aufgeführt. Außerdem steht die Staffel in der ARD Mediathek zur Verfügung.

Babylon Berlin zwingt Gereon zu einer wichtigen Entscheidung

Ich stelle mir gerade einen Netflix-Nutzer irgendwo in den USA vor, der die letzte Szene der 8. Folge von Babylon Berlin schaut und sich darüber wundert, warum die junge Frau sich so dramatisch der Kamera zuwendet. Für den deutschen Zuschauer hat die Enthüllung, dass Hannah Herzsprung Gereons Schwägerin und große Liebe Helga spielt, einen Überraschungseffekt, vorausgesetzt er oder sie hält sich nicht auf den einschlägigen Websites auf. Eine Staffel lang hingen die gesichtslose Helga und seine Liebe zur Frau seines verschollenen Bruders über Gereon wie eine dunkle Wolke. Und an denen mangelt es unserem Helden nicht gerade.

Die Reise nach Berlin war auch eine Flucht vor diesem Leben in Lüge, von dem er gegen Ende redet. Insofern ist der größte Schritt in diesem Staffelfinale weniger die Offenbarung, dass Gereons Vater eine Vorliebe für Sadomaso-Spielchen hat (würde er in Berlin leben, ginge er bei Charlotte ein und aus und niemand würde es wundern). Vielmehr zieht unser Held einen Schlussstrich unter seine Zeit im katholischen Rheinland. Gereon als Tanzmaus zu bezeichnen, wäre etwas übertrieben, aber Berlin bietet immerhin (und das tut es für viele noch immer) die Möglichkeit, sich neu zu definieren. Selbst wenn man gerade unwissend in eine politische Verschwörung hineinschlittert, von einem Mabuse-artigen Doktor manipuliert wird und herausfindet, dass die eigenen Kollegen einen hintergehen.

Babylon Berlin rauscht plotfixiert zum Finale der 1. Staffel

Der Plot wird in diesen letzten beiden Folgen von Staffel 1 im Schnelldurchlauf vorangebracht. Regierungsrat August Benda geht gegen Alfred Nyssen, den Strohmann der rechten Verschwörer, vor. Sweta gesteht dem festgenommenen Nyssen, dass sie ihn hintergangen habe, aber seine Reaktion wird verschluckt. Lotte findet die Verbindung zwischen der Druckerei der linken Gruppe der Roten Festung (nicht zu verwechseln mit der Roten Burg am Alexanderplatz) und dem Zug mit Phosgen. Gereon löst durch die etwas brachiale Konfrontation mit dem Armenier im Handumdrehen den Handlungsstrang um den Pornofilm auf. Am Klavier werden einige dieser Stränge vereint und in der letzten Folge gibt es gar eine Schießerei. Noch dazu in einem Restaurant mit riesigem Aquarium, von dem jeder weiß, dass es die in Filmen nur gibt, um zu bersten.

Babylon Berlin im Plot-Modus ist nicht gerade mein liebstes Babylon Berlin. Auch wenn die Serie spannend bleibt, schwankt sie im Finale zwischen einfachen Auflösungen (Rath stürmt ins Moka Efti?) und absichtlich vernebelten Unklarheiten (Warum bringt der Armenier ihn nicht um?). Letztere sind im Grunde nur zu verdauen, weil es eben doch kein echtes Staffelfinale ist und wir nicht ein Jahr mit der dramatischen Wendung von Hannah Herzsprung leben müssen. Da schaue ich mir lieber nochmal die Sequenz in der Küche von August Benda an und das nicht nur wegen der saftig brutzelnden Wurst in der Pfanne. Benda ist der jüdische Regierungsrat, der als einziger ein Bewusstsein für die Gefahr von Rechts hat, aber auch ohne Probleme die Taten der Polizei am 1. Mai vertuscht. Seine Haltung und sein Haushalt werden mit dem Engagement der jungen Greta in den Fokus gerückt. Zwei aus unterschiedlichen Schichten, die tagsüber in der gebotenen Kälte miteinander umgehen. Hier sitzen sie und genießen die frisch gebratene Wurst und das zischende Bier. Es könnte alles so harmonisch sein.

Wie findet ihr das Finale der 1. Staffel von Babylon Berlin?

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Hier könnt ihr noch Walter Ruttmanns Opus 2 aus seinem experimentellen Zyklus "Lichtspiel Opus" sehen, der im Abspann von Babylon Berlin mehrfach Verwendung findet. Ruttmann kreierte die vier Filme zwischen 1921 und 1925:

*Anmerkung am Rande: Es gab 1928 tatsächlich einen schrecklichen Giftgas-Unfall in Hamburg. Ein von der Reichswehr zur "Entsorgung" abgestellter Tank mit Phosgen explodierte, 10 Menschen starben, mehrere Hundert wurden verletzt. Es war der erste der sogenannten Stoltzenberg-Skandale. (Die Welt)

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